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Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

»Das Licht scheint in der Finsternis«
                                                       
Johannes 1,5


Liebe Leserin, lieber Leser,


es ist Advent, und das Weihnachtsfest rückt näher. Da noch nicht alle Vorbereitungen getroffen, noch nicht alles organisiert ist, kommt es fast ein wenig zu schnell. Doch jenseits all unserer Fragen, wie wir das Weihnachtsfest möglichst schön gestalten können, möchte ich mit Ihnen, die Weihnachten auch so feiern möchten, dass Sie über das Fest nachdenken, in diesem Gemeindebrief die Predigt eines anderen, nämlich des schweizerischen Theologen Karl Barth, der vor genau 50 Jahren, am 10. Dezember 1968 in Basel verstorben ist, zur Hand nehmen.


Am 2. Advent, dem 10. Dezember 1933, predigte Karl Barth an einem Ort ganz in unserer Nähe, in der Schloßkirche zu Bonn. Die Worte wurden zu einer evangelischen Gemeinde gesprochen, als die antisemitische Ideologie der nationalsozialistischen Regierung die ersten politischen Folgen gezeitigt hatte. Bereits am 7. April 1933 wurde kurz nach der Machtergreifung das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«, kurz »Arierparagraph« genannt, erlassen, auf dessen Grundlage die jüdischen Bürger beruflich diskriminiert oder entlassen wurden. Die evangelische Kirche passte sich zu einem großen Teil dem politischen Zeitgeist an und ihren theologischen Anspruch (vgl. z.B. Römer 1,16-18) indem sie den so genannten »Arierparagraphen« übernahm.(1)

 


Und so entstand in dieser Zeit, maßgeblich von Karl Barth geprägt, gegen die regimetreuen »Deutschen Christen« die »Bekennende Kirche«.
Vielleicht mögen die folgenden Worte von Karl Barth auch Ihnen etwas sagen, Ihnen zum Advent als ein »Licht in der Finsternis« erscheinen in einer Zeit, die zwar nicht von einer vergleichbaren politischen Bedrohung verdunkelt wird, in der aber doch die Fülle und oft auch die Banalität unseres Alltags unsere Zeit anfüllen, statt uns die Freude eines Sinn erfüllten Momentes zu schenken.

 


Predigt von Karl Barth am zweiten Advent, dem 10. Dezember 1933, über Römer 15,5–13 in der Schloßkirche zu Bonn (2)


In dem folgenden Auszug widmet sich Barth dem Vers »Darum nehmet euch untereinander auf, gleichwie uns Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe« (Römer 15,7). (3)


»Wir haben in dieser Adventszeit Anlaß zu bedenken: daß es ein Wort Gottes für uns und also eine Kirche Jesu Christi gibt als Stätte des Trostes, der Geduld und der Hoffnung, die von Gott kommen, das versteht sich nicht von selbst. Das ist nicht wie die Luft immer und überall wirklich. Das ist uns weder durch die Natur noch durch die Geschichte in die Hand gegeben, so daß wir damit umgehen könnten, wie mit etwas, das uns gehört. Daß es Wort Gottes in der Kirche gibt, das ist weder im menschlichen Seelenleben begründet, noch ist es eine Kulturerrungenschaft, noch gehört es zum Wesen und zur Art irgend eines Volkes oder einer Rasse, noch ist es begründet im notwendigen Lauf der Weltgeschichte. Es ist vielmehr ein Geheimnis, mit dem unsere Existenz – nicht etwa von innen her ausgestattet, sondern von außen her umkleidet ist, das in keinem Sinn in uns, sondern ganz und gar in einer fremden Kraft und Gewalt über uns begründet ist. [...]


Wie Christus uns aufgenommen hat zum Lobe Gottes, so ›nehmet euch untereinander auf‹. [...] ›Sich aufnehmen‹, das heißt: sich gegenseitig so sehen, wie Christus uns sieht. Er sieht uns als Bundbrüchige, aber auch als solche, an denen Gott seinen Bund dennoch halten will. Er sieht uns in unserer frommen und weltlichen Gottlosigkeit, aber auch als solche, die schlechterdings auf Barmherzigkeit angewiesen sind, aber auch als solche, denen Barmherzigkeit schon widerfahren ist. Er sieht uns als Juden im Streit mit dem wahren Gott und als Heiden im Frieden mit den falschen Göttern, aber er sieht uns auch beide vereint als ›Kinder des lebendigen Gottes‹ [Hosea 2,1]. So können wir uns freilich von uns aus gegenseitig nicht sehen. Wenn wir einander von uns aus sehen, dann geht es regelmäßig so, daß uns sowohl das Erste: daß wir bundbrüchig sind, wie das Zweite: daß Gott seinen Bund dennoch hält, entgeht. Wir nehmen dann sowohl die Vortrefflichkeiten wie die Fehler, die wir aneinander wahrnehmen, viel zu wichtig; wir loben uns dann viel zu laut, und wir tadeln uns dann viel zu heftig. Wir nehmen uns dann so oder so nicht auf. Wir sind dann auf dem Markte und nicht in der Kirche. Das Wort Gottes schweigt dann wohl.

 


Wenn es aber nicht schweigt, wenn wir bedenken, daß wir von Jesus Christus aufgenommen sind zum Lobe Gottes, dann sehen wir uns mit den Augen Jesu Christi, und das heißt dann gewiß, daß uns unsere tiefe Bundbrüchigkeit, Gottlosigkeit und Erbärmlichkeit, aber auch die unverrückt über einem jeden von uns waltende Treue Gottes unverborgen sind und daß wir uns über Vortrefflichkeiten und Fehler; Lob und Tadel hinweg – so wichtig sie an ihrer Stelle sein mögen – nur noch die Hände geben können, um miteinander die Treue Gottes an uns, den Ungetreuen, zu preisen. Wenn wir uns so sehen, dann nehmen wir uns untereinander auf, dann sind wir in der Kirche Jesu Christi.« (4)

 


Die Predigt wurde vor 85 Jahren gehalten, und trotzdem kann sie uns immer noch Licht in unserer Finsternis sein. Bei einem Zeitungsartikel aus dieser Zeit wäre das undenkbar; er ist ja schon nach einem Tag verblichen. Es geht hier eben um Gottes Wort, nicht um Menschenwort. Der eingangs zitierte Satz aus dem Johannesevangelium hat noch eine Fortsetzung: »Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat‘s nicht ergriffen.« (Johannes 1,5) Wo also Gottes Wort als Licht nicht ergriffen wird, herrscht Finsternis weiter vor. Wir aber zünden getrost Adventssonntag für Adventssonntag ein weiteres Licht an, um zu wissen, was uns ergreift: das Wort Gottes, das uns im Gottesdienst in der Predigt treffen will.


Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnacht und ein frohes neues Jahr,


Ihr Roman Michelfelder, Pfarrer

 

 

Anmerkungen


1 Vgl. Kurt Meier, Der Evangelische Kirchenkampf. Bd. 2 Gescheiterte Neuordnungsversuche im Zeichen staatlicher »Rechtshilfe«, Der Evangelische Kirchenkampf (Gesamtdarstellung in drei Bänden), Göttingen 1976, S. 161; Siegfried Hermle, Im Zeichen der Machtergreifung, in: ders. / Jörg Thierfelder, Herausgefordert. Dokumente zur Geschichte der Evangelischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 2008, S. 71-85.

 


2 Karl Barth, Predigt über Römer 15,5–13. 10. Dezember 1933 [2. Advent]. Universitätsgottesdienst in der Schloßkirche zu Bonn, in: ders.: Predigten 1921–1935 [Karl Barth Gesamtausgabe I. Predigten], Zürich 1998, S. 296-305.

 


3 Die Übersetzung stammt von Karl Barth, Predigt über Römer 15,5–13, a.a.O., S. 296f., er richtete sich hier bis auf eine Änderung (»uns« statt »euch«) nach der Lutherbibel von 1912.


4 Karl Barth, Predigt über Römer 15,5–13. 10, a.a.O., hier: S. 298. 302f..