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Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

 

»Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.«
(1. Korinther 3,19)

 


Liebe Leserin, lieber Leser,


wer die Bilder von Pieter Bruegel d. Ä. (um *1525/1530, † 1569 Brüssel) in diesem Gemeindebrief betrachtet, der sieht zuweilen den »Wald vor lauter Bäumen nicht«.


In einigen Bildern wimmelt es nur so von Menschen, die ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen oder von Kindern, die spielen. Auf einem Dorffest in der Karnevalszeit vergnügen sich die meisten ausgelassen, während andere griesgrämig daneben stehen. Sieht man sich die einzel- nen Figuren im Bild genauer an, so entdeckt man viele eigenständige Szenen, die mehr oder weniger unverbunden nebeneinander zu stehen scheinen. Doch hinter jeder dieser Szenen scheint eine kleine Geschichte verborgen zu sein, die uns als Betrachter erzählt wird: das Mädchen, das im Haus schaukelt oder der Junge, der einen Vogel abschießt, die Prozession hoch auf den Turm zu Babel, die tanzenden Versehrten oder der beichtende Mann in der Kirche und die beiden Narren, die sich an der Nase halten.


Die Bilder wirken wie große »Wimmelbilder« von Menschen, die unsinnige Dinge tun. Doch was macht eigentlich Bruegels Kunst aus? Und was haben seine Bilder eigentlich hier im Gemeindebrief zu suchen? 


Die Entdeckung der Welt
In der niederländischen Malerei der Zeit Pieter Bruegels entwickelte sich die Welt, die Natur, das soziale Leben der Menschen zu einem eigenständigen Gegenstand der Kunst. Man interessierte sich nicht mehr für die Darstellung von Himmel und Hölle, von Heiligen, sondern vielmehr öffnete man im Gemälde das Fenster zur Welt. So wurde die geographische Erkundung der Welt mit der Veröffentlichung des ersten Weltatlas 1570 durch den mit Bruegel befreundeten Abraham Ortelius (*1527 Antwerpen, † 1598 ebd.) von einer der ersten Winterlandschaften der Kunstgeschichte bei Bruegel begleitet.


Doch Bruegel richtete seinen Blick nicht nur auf seine menschliche Umwelt, vielmehr widmete er einer bis dahin unbekannten Welt seine besondere Aufmerksamkeit: der Welt des Kinderspiels. Bruegel portraitierte mit über 90 verschiedenen Kinderspielen die Kindheit im 16. Jahrhundert. Sogleich fällt uns auf, dass in seinem Bild ein wirkliches Kinderspielzeug fehlt, vielmehr alltägliche Gegenstände zum Spielzeug umgewandelt werden. Merkwürdig sehen auch die dargestellten Kindergesichter aus, die eher denen von alten Greisen ähnlich sind. Die eigene Kinderwelt lag im 16. Jahrhundert noch im Verborgenen: Kinder waren für die Zeit einfach kleine Erwachsene. Doch Bruegel sucht in seinen Bildern seine Umwelt neu zu entdecken und stellt uns die Kinderspiele wie in einer eigenen kleinen Welt vor. Und so beginnt mit der Darstellung der Kinderspiele als eines eigenen kunstwürdigen Motivs die Entdeckung der kindlichen Welt, in der einiges verkehrt herum geschieht.


»Wir sind Narren um Christi willen«
(1. Korinther 4,10)

Um das Rätsel, das Bruegel in seinen Bildern verbirgt, zu lösen, reicht der erste schnelle Blick nicht aus. Vielmehr müssen wir uns, wie das Paar in der Mitte seines Gemäldes »Der Kampf zwischen Karneval und Fasten«, von einem Narren durch die Welt seiner Bilder führen lassen. Inspiriert durch die »Narrenrede« (1. Korinther 4,9 -13) des Apostels Paulus – er sei der Welt um Christi willen ein Narr geworden – versteckt Bruegel hinter seinen merkwürdigen Figuren einen theologischen Sinn.


Die Darstellung der verkehrten Welt
Das bekannteste Bild Pieter Bruegels, das heute den Namen »Die niederländischen Sprichwörter« trägt, führt uns die theologische Botschaft seiner Kunst vor Augen. Die zahlreichen komischen Handlungen der Figuren im Bild wirken auf den ersten Blick unverständlich. Denn viele der 119 Sprichwörter im Bild sind uns heute unbekannt. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Mann im linken Vordergrund, der »mit dem Kopf durch die Wand« gehen will. Dieses Beispiel zeigt, dass uns die vielen kleinen Szenen jeweils auf ein uns bekanntes Sprichwort ansprechen wollen, und so das Bild erst beim Betrachter zum Ziel kommt. Gleich vier Mal begegnet uns im Bild eine Kugel mit aufgesetztem Kreuz: die so genannte »Sphaira«, die eine Weltkugel symbolisieren soll: Während ein Edelmann im rechten Vordergrund spielerisch »die Welt auf seinem Finger tanzen lässt«, verweist er zugleich mit seiner anderen Hand auf einen am Boden kriechenden Mann, der sich durch eine andere Kugel zwingt (»Wer durch die Welt will, muss sich krümmen«). Direkt hinter dem Edelmann sitzt Christus, der die Weltkugel in der Hand hält, als Symbol seiner Weltherrschaft. Doch wird ihm von einem Mann ein »flächsener Bart umgebunden«, was einen scheinheiligen Betrug bezeichnen soll. Und ein Mann am linken Bildrand, der eine Narrenkappe trägt, verrichtet als Zeichen seiner Verachtung gegenüber der Welt gar seine Notdurft über einer verkehrt herum aufgehängten Sphaira.


Alles in allem wird deutlich, warum das Bild in der ersten uns bekannten Erwähnung im 17. Jahrhundert im Inventar des flämischen Malers und Kunstsammlers Pieter Stevens (* um 1567, † nach 1624) unter dem sprechenden Namen »Die Darstellung der verkehrten Welt, die durch verschiedene Sprichwörter repräsentiert wird« aufgeführt wurde. In dieser Welt ist nichts, wie es eigentlich sein sollte: eine verkehrte Welt.

 

»Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott«
(1. Korinther 3,19)

Jenseits des moralischen Fingerzeigs, liegt der besondere Charme der Kunst Bruegels in einer verkehrten Entsprechung der »Wimmelbilder«: »In den ›Sprichwörtern‹ [wird] alles, was übertragen verstanden werden müßte, wörtlich verstanden [...], in den ›Kinderspielen‹ hingegen [erscheint] die gespielte Wirklichkeit der Erwachsenenwelt den Kindern als echt [...], die Kinder also [verstehen] im übertragenen Sinn [...], was man wörtlich nehmen müßte«. Dies macht uns auf ein bis heute erfahrbares Phänomen aufmerksam, das zuerst Jesus von Nazareth erkannte, als er die Kinder in ihrer Eigenart als ein prophetisches Zeichen in die Mitte seiner Jünger stellte (Markus 10,13-16):


Wenn Kinder spielen, so spielen sie oft die Welt der Erwachsenen nach. Die »große« Welt scheint einen Eindruck auf die Kinder zu machen. Doch wenn Kinder Kaufladen spielen oder ein Haus bauen, um selbst darin die Elternwelt nachzuspielen, so finden sich nicht nur die Erwachsenen oft parodiert wieder, vielmehr ist es für die kindliche Entdeckung der Welt ganz entscheidend, dass die große Welt auf einmal relativiert wird. Das Spielen der Kinder macht die Welt, der sie ausgeliefert sind, klein. Indem die Welt spielerisch klein wird, wird die Realität so »ein Stück« weit verkehrt. Doch diese Verkehrung befreit sie zugleich von dem Anschein, der Maßstab für alles und jeden zu sein. Die Weisheit dieser Welt hält dann das Spiel für Torheit. Doch wer ist dann eigentlich der Narr?

 


Wer Interesse bekommen hat, sich weiter mit der faszinierenden Kunst Bruegels und ihrer theologischen Tiefenschärfe auseinanderzusetzen, ist herzlich eingeladen zum Bibelgesprächsabend.


Ihr Roman Michelfelder, Pfarrer