Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«
                                                    Markus 12,31

 

Liebe Leserin, lieber Leser,


das Gebot der Nächstenliebe ist für viele der Inbegriff dessen, was Christentum und christliche Werte ausmacht. Für viele, auch denen die christliche Kirche fremd geworden ist, gilt es als ein Ideal oder ein Prinzip, an dem man sich orientieren kann. Doch kann Liebe geboten werden? Um das Bemerkenswerte des christlichen Gebots der Nächstenliebe zu verstehen, ist ein Blick auf das ursprüngliche Wort Jesu von Nazareth erhellend.1


»Welches ist das höchste Gebot von allen?« (Markus 12,28)

Im Neuen Testament wird das »Liebesgebot« Jesu als das »neue Gebot« (Johannes 13,34) bezeichnet, also als das, was für die Verkündigung Jesu charakteristisch ist und mit ihm neu in die Welt gekommen ist. Und tatsächlich ist das Gebot der Nächstenliebe auch die Antwort Jesu selbst auf die Frage eines Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot.


»Und einer der Schriftgelehrten, der zugehört hatte, wie sie miteinander disputierten, trat hinzu, und da er wusste, dass er ihnen trefflich geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das erste Gebot von allen? Jesus antwortete:


Das höchste Gebot ist das:
›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein Herr und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Denken und aus deiner ganzen Kraft.« (5. Mose 6,4 - 5).


Das zweite ist dieses:
›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst‹ (3. Mose 19,18).
Größer als dieses ist kein anderes Gebot«2
(Markus 12,28 - 31)

 

Die Gottesliebe und die Nächstenliebe
– Zitate der jüdischen Tradition

Jesus von Nazareth hat das Gebot der Nächstenliebe nicht erfunden, vielmehr zitiert er hier ein Gebot des Alten Testaments, das auch für den jüdischen Schriftgelehrten selbstverständlich als ein Kern der Tora (תּוֹ ָרה [ tôrah] »Weisung, Gesetz«), der fünf Bücher Mose, gilt: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«,wie es bereits im dritten Buch Mose heißt. 3

Denn er zitiert hier das Sch`ma Israel
(שמַע יִ ְׁש ָר ֵאלְׁ )[,Sch’ma »Höre Israel«, das wichtigste Bekenntnis im Judentum. Doch, wie bereits entdeckt wurde, veränderte Jesus von Nazareth dieses Gebot charakteristisch, indem er das »jedem Juden im Wortlaut bekannte Bekenntnis um das Denken erweitert«4, um damit auf die Notwendigkeit des Nachdenkens für den Glauben an Gott hinzuweisen.


Die Nächstenliebe als Auslegung der Gottesliebe

Denken wir also weiter über das christliche Verständnis der Nächstenliebe nach, so fällt die Verbindung der beiden Gebote ins Auge, die Jesus aus der jüdischen Tradition übernommen hat. Die Verbindung der wörtlichen Zitate der Gottes- und der Menschenliebe ist allerdings so nicht vor Jesus von Nazareth belegt. Worauf wollte er uns hinweisen?


Das Bemerkenswerte Jesu Auslegung ist die Anbindung der Nächstenliebe an das Gebot der Gottesliebe. Diese Verbindung von Gottesliebe und Nächstenliebe entwertet die Nächstenliebe nämlich nicht als Anhang zum ersten Gebot, sondern versteht ja beide zusammen: »Größer als dieses ist kein anderes Gebot« (Markus 12,31).


Der Nächste als der Ort der Begegnung mit dem Anspruch Gottes

Für die Frage nach Gott ist der Mensch nach Jesus von Nazareth auf seinen Nächsten gewiesen. In der Begegnung mit dem Mitmenschen, dem Nächsten, begegnet uns der Anspruch Gottes. Die Nächstenliebe wird von Jesus von Nazareth so aber auch neu verstanden: Es geht nicht einfach um das richtige Verhalten, eine Tugend des Menschen, vielmehr um ein neues Verständnis unseres Nächsten:

 

   Die zehn Gebote Das Doppelgebot der Liebe 
 Das erste Gebot Gottesliebe 
 

"Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir."

 

 

2. Mose 20,2 f, 5.Mose 5,6 f

"Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Denken und aus deiner ganzen Kraft."

 5. Mose 6,4-5 

 II  Das zweite Gebot Nächstenliebe 
 

"Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!"

2. Mose 20,4 f, 5. Mose 5,8 f

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!"

 

 

 

 

3. Mose 19,18 

 

 

Gottes- und Nächstenliebe:
»Du sollst Dir kein Bildnis machen«


Der Schweizer Dichter Max Frisch (* 15.V.1911 Zürich, † 4.IV.1991 ebd.) hat die Bedeutung des neuen Verständnises der Nächstenliebe Jesu in seinem Text über das Bilderverbot, das so auch für die Nächstenliebe gilt, auf den Punkt gebracht:


»Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben.«5


Im christlichen Gebot der Nächstenliebe geht es also weniger um eine allgemeine Menschenliebe, noch um eine besondere Tugend. Die Nächstenliebe ist wie jede Liebe keine Leistung, die wir zu erfüllen hätten, sondern ein Weise unseres Miteinanders.6


Ihr Roman Michelfelder
Pfarrer

 


Anmerkungen
1 Gerd Theißen /Annette Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen (1996) 2011, S. 339-349.

2 Die Übersetzung folgt dem letzten Gemeindebrief zu diesem Thema: Thomas Hübner, Leitartikel, Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinde Rondorf Jg. 31 / Nr. 94. 1. Advent 2009 – 31. März 2010, S. 3-10, hier: S. 6.

3 G. Theißen /A. Merz, Der historische Jesus (s. Anm. 1), S. 341

4 Th. Hübner, Leitartikel (s. Anm. 2), S. 7.

5 Max Frisch, Du sollst dir kein Bildnis machen, in: ders.: Ausgewählte Prosa mit einem Nachwort von Joachim Kaiser, Frankfurt a. M. 61972, S. 63.

6 Vgl. Rudolf Bultmann, Das christliche Gebot der Nächstenliebe, in: ders., Glauben und Verstehen. Bd. 1, Tübingen [1933] 1993, S. 229-244, hier: 237-244; ders., Theologie des Neuen Testaments, Tübingen [1948-1953] 1984, S. 22-26.