Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

Liebe Leserin, lieber Leser,


das Presbyterium ist das Leitungsgremium unserer Kirchengemeinde. In diesem Jahr, am Sonntag, dem 22. März 2020, scheiden vier Presbyterinnen und Presbyter unserer Kirchengemeinde aus ihrem Ehrenamt aus und vier neue Presbyterinnen und Presbyter sind in ihr Amt eingeführt worden: ein Anlass, sich einmal zu fragen, woher das Amt des »Presbyters« eigentlich kommt und was seine theologische Würde ausmacht (s. 1. Timotheus 5,17).


Vor genau 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther eine Schrift mit dem Titel »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung« und fegte damit das mittelalterliche Kirchenwesen und seine Gesellschaftsordnung vom Tisch. Die sog. »Adelsschrift« war in ihrem Erscheinungsjahr 1520 der größte publizistische Erfolg Martin Luthers. In dieser Schrift legte er den theologischen Grundstein für die Reformation und damit auch für die Wiederentdeckung des Presbyteramtes in der reformierten (also nicht lutherischen) Kirchen der Reformation. Denn der Presbyter trägt den wahrscheinlich folgereichsten theologischen Gedanken der Reformation in seinem Namen: Der alte, nämlich biblische, und zugleich zu seiner Zeit neue Gedanke war das »Priestertum aller Gläubigen [Getauften]«.


»Priester und Presbyter sind also etymologisch dasselbe Wort.«


Das Amt des Presbyters (von griech. πρεσβύτερος, presbýteros, der »Ältere«), und damit verbunden das Presbyterium (von griech. πρεσβυτέριον, presbytérion, der »Ältestenrat«) haben biblische Wurzeln. In der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem, der sog. Urgemeinde, wurde dieses Gremium aus der jüdischen Synagoge übernommen. Während im hebräischen Alten Testament den Ältesten aufgrund ihres Alters eine besondere Würde zukommt (siehe Hiob 32, 6-9; vgl. 1. Mose 15,15), sind in neutestamentlicher Zeit die Presbyter in der Synagoge ihrem Ansehen und ihrer Erfahrung nach in der Gemeinde als »Älteste« hoch geschätzt. Sie versahen dort keine liturgische Funktion im Gottesdienst, sondern leiteten die Gemeinde. Die christliche Gemeinde wählte also für die in der Gemeinde Leitenden bemerkenswerterweise einen Begriff, der seine Heimat gerade nicht aus dem Kult einer anderen Religion hatte.


Das deutsche Wort »Priester« leitet sich vom altgriechischen Wort Presbyter ab und ist sprachgeschichtlich gleichen Ursprungs. Als aber in der Reformationszeit, zuerst in Genf, im 16. Jahrhundert auf Grund seiner biblischen Wurzeln das Presbyteramt 1541 von Johannes Calvin wieder eingeführt wurde, sollte es eine ganz andere Bestimmung bekommen als das Priesteramt, wie es im Mittelalter verstanden wurde.


Das Priestertum aller Gläubigen – » eine ›kopernikanische Wende‹ im Verständnis der Christenheit«

In Erwartung des für ihn negativen Ausgangs des römischen Prozesses gegen ihn wegen seiner Kritik des Ablasses schrieb Luther in der sog. »Adelsschrift« in bisher nicht gewohnter Schärfe gegen die Kirche und ihre Ordnung an. Er rechnete förmlich ab mit der klerikalen Amtshierarchie, dem Pfründensystem, dem Mönchtum, dem Zölibat, der Heiligenverehrung, den Messstiftungen und dem Wallfahrtswesen. Kein Stein blieb auf dem anderen.


»Nun helfe uns Gott und gebe uns der Posaunen eine, womit die Mauern Jerichos umgeworfen wurden, daß wir diese strohenern und papiernen Mauern auch umblasen.«


Wenige Jahre zuvor war er 1517 angetreten, die Kirche zu reformieren und stellte nun fest, dass die Reform der Christenheit durch drei hohe Mauern verhindert wird, welche die »Romanisten«, gemeint ist die römische Kurie, um die Kirche gebaut hatten: »Die Romanisten haben drei Mauern mit großer Behändigkeit um sich gezogen, damit sie sich besser davor schützen, dass sie niemand reformieren möge.«


Drei Mauern verhinderten nach der Ansicht Luthers eine Reform, wobei die erste für ihn das größte theologische Hindernis für eine Reform der Christenheit seiner Zeit darstellt:


I    Die kategoriale Unterscheidung von Priestern
     und Laien durch die Priesterweihe und der
     Vorrang der geistlichen vor der weltlichen
     Gewalt.
II   Die alleinige, letztgültige Deutungshoheit des
     Papstes über die Interpretation der Bibel.
III  Die ausschließliche Kompetenz des Papstes
     zur Einberufung eines Konzils.


Alle Christen sind geistlichen Standes

Die Unterscheidung eines geistlichen und eines weltlichen Standes, von Papst, Bischof, Priester und Mönchen, eines Klerus als herausgehobenen Standes im Gegenüber zu den Laien, den Fürsten, Landherrn, Handwerkern und Landwirten war eine Grundsäule des ganzen gesellschaftlichen Lebens der Menschen und so selbstverständlich wie das täglich Brot. Luther kritisiert nicht nur den Vorrang des geistlichen Standes, sondern stellt gleich die Rechtmäßigkeit einer Unterscheidung von weltlichem und geistlichen Stand überhaupt in Frage: »Man hat erfunden, dass Papst, Bischof, Priester Klostervolk wird der geistliche Stand genannt; Fürsten, Herrn Handwerks- und Ackerleute der weltliche Stand, was eine feine Erdichtung und Trug ist. Doch soll niemand deswegen schüchtern werden und das aus dem Grund, dass alle Christen wahrhaftig geistlichen Stands sind und unter ihnen kein Unterschied den allein um des Amtes willen.«


Seine an der Bibel gewonnene Begründung ist so einfach wie schlagend: »Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist, obwohl nicht einem jeglichen ziemt, solch ein Amt auszuüben.«


Luther wusste, dass er damit die Grundlage der ganzen Gesellschaftsordnung in Frage stellte und konnte dies nur tun, weil er sich seiner Auslegung des Neuen Testaments gewiß war, dass dieser Unterschied nicht biblisch begründet ist. Vielmehr dort die Christen nach Paulus (vgl. 1, Korinther 12,12) im Gegenüber zu Jesus Christus auf einer Stufe stehen, und alle Christen in dessen Nachfolge zu königlichen Priestern ernannt werden (vgl. 1. Petrus 2,9).


Was das Mittelalter nur einem Stand vorbehalten hatte, sah Luther im Neuen Testament jedem Menschen zugesprochen. Die Gleichwertigkeit aller Christen bedeutet aber keine Gleichmacherei, vielmehr unterscheiden sich die Menschen, wie es für uns heute selbstverständlich ist, nach ihren Aufgaben und Funktionen, aber eben nicht wie im Mittelalter in ihrem Stand vor Gott.


Inwiefern, so stellt sich uns nun aber die Frage, kann nun jeder Christ von Luther ein »Priester« genannt werden? Was ist dann ein »Priester«? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir hinter alle konfessionellen Unterschiede zurück auf das Neue Testament blicken, wie dort das Wort des »Priesters« im Gegenüber zu anderen Religionen neu bestimmt wird.


Die Ablösung des Opfers durch das Wort Gottes

Die Rolle eines »Priester« findet sich in vielen nichtchristlichen Religionen. Um die religionsgeschichtliche Rolle zu verstehen, müssen wir uns seine wesentliche Bestimmung als Stellvertreter vor Augen führen. Der Priester entstand aus der Wahrnehmung der Menschen, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch gestört ist und immer von neuem bedroht ist. Um diese Beziehung wieder in Ordnung zu bringen und sie in Ordnung zu halten, wurde die Rolle des Priesters erfunden, der in ständiger Pflege stellvertretend für die Beziehung der Menschen zu Gott in der jeweiligen Religion Sorge zu tragen hatte.


In vielen Religionen geschah dies durch ein kultisches Opfer, das unter der Leitung des Priesters regelmäßig vollzogen werden musste, um Gott mit der Gabe des Opfers wieder mit dem Menschen zu versöhnen. Mit dem religiösen Gedanken des Opfers war die Notwendigkeit eines immer wieder richtig durchzuführenden Kultes verbunden. So entstand aus der religiösen Notwendigkeit für die Religionen aus der Bedeutung des kultischen Geschehens der Standes-Charakter des Priestertums, der als ein in seiner Lebensform für seine Aufgabe ausgesonderte Mensch. Der Gedanke des Opfers hat sich bis in unsere gegenwärtige Sprache gehalten, auch wenn hier der Bezug auf Gott verloren gegangen ist: Ein Erfinder hat sein ganzes Vermögen geopfert für die Entwicklung einer neuen Technik, drei Stunden meines Tages habe ich dieser oder jener Sache geopfert.


Das Neue Testament hat den religiösen Vorgang des Opfers abgelöst durch das Geschehen des Wortes Gottes. Versöhnung nach dem Neuen Testament geschieht nicht durch ein von den Menschen auf Gott gerichtetes Handeln, sondern ist »in radikaler Umkehrung ein von Gott auf die Menschen gerichtetes Handeln [...]: Nicht die Menschen haben Gott, sondern Gott hat uns bzw. die Welt mit sich selber versöhnt.«
Darin liegt begründet, dass das Christentum keinen Priester als einen Stellvertreter braucht. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie der Mensch durch die Verkündigung von Gottes Wort daran erinnert werden kann, was wir zu Ostern feiern: »Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber« (2. Korinther 5,19). Über diese Grundlage, so hoffe ich, besteht zwischen den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland kein Dissenz, doch die theologische Anfrage an das Weihesakrament, das den besonderen Stand eines Priesters in der katholischen Kirche begründet, bleibt bis heute bestehen.


Der christliche Adel des Presbyteramtes

Bemerkenswert ist der Titel, den Luther seiner Schrift gab: »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung«. Er hätte auch schreiben können: ›An den deutschen Adel zur christlichen Besserung.‹ oder ›An den Adel christlicher Nation.‹ Doch die Worte sind präzise und programmatisch gewählt. Luther hielt grundsätzlich an der gesellschaftlichen Ständeordnung fest, doch mit der Verwendung des Adjektivs »christlich« markierte er ein neues Verständnis des Adels eines Menschen: er »›definiert‹ ihn von seinem Christsein her.«


Vor 500 Jahren erinnerte Martin Luther an den neutestamentlichen Sinn des Priesteramtes als eines jedem Christen übertragenen Standes. Jeder Christ ist dazu berufen, in und mit seinem Leben dieser Versöhnung in der Welt Raum zu geben. In diesem Jahr erinnern uns die Presbyterinnen und Presbyter, die nach langem ehrenamtlichen Dienst aus dem Presbyterium ausscheiden und diejenigen, die in das Presbyteramt eingeführt wurden, daran, was ein Christenmensch allein als Adel anerkennen kann: das in der Versöhnung durch Gott begründete Dasein für andere, mit dem das Wort Gottes unter uns geschieht.


Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!


Ihr Roman Michelfelder, Pfarrer