Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

»Dein Reich komme«
                           Matthäus 6,10

 

Liebe Leserin, lieber Leser,


Propheten haben zumeist kein gutes »Image«. Schon im alten Israel hat man selten auf sie gehört, und sie stießen zumeist auf Ablehnung, wie das Alte Testament berichtet. Auch heute noch stößt ein echtes prophetisches Wort auf Widerstand bei seinen Zeitgenossen, und von den selbst ernannten Propheten unserer Tage sind wir genervt. Das schlechte Ansehen des Propheten ist im Neuen Testament sogar sprichwörtlich geworden: »ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.« (Markus 6,4).

 

Etwas sehr bemerkenswertes an diesem Wort Jesu ist allerdings schnell überlesen, dass nämliche Jesus sich selbst einen Propheten nennt (vgl. auch Lukas 13,31-33) und von seinen Zeitgenossen auch als Prophet angesprochen wurde (vgl. Markus 6,14-16; Matthäus 21,11; Lukas 7,16). Zu diesem Weihnachtsfest möchte ich mit Ihnen die Frage stellen, wie aus dem jüdischen Propheten Jesus aus Nazareth, im Neuen Testament das Christkind wurde, das in Bethlehem, der Stadt Davids, geboren sein soll?


Jesus, ein jüdischer Prophet aus Nazareth –
»Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.«
(Markus 1,15)


Das älteste Evangelium des Neuen Testaments, das Markusevangelium, wurde um 70 n. Chr. geschrieben und kennt anders als die später verfassten Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes keine Weihnachtsgeschichte, also keinen Bericht von der Geburt Jesu. Das Markusevangelium stellt uns Jesus als einen Propheten vor, der historisch zuerst als Schüler Johannes des Täufers (Markus 1,1–11) auftrat, und dann das erste Mal mit der prophetischen Verkündigung auftritt: »Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« (Markus 1,15). Im Zentrum der Verkündigung Jesu stand die Botschaft vom nahe herbeigekommenen Reich Gottes. Das Besondere dieser Verkündigung können wir nur verstehen, wenn wir nach dem historischen Jesus von Nazareth, dem Propheten und seiner Verkündigung fragen.

 

Im Neuen Testament findet sich eine bezeichnende Antwort Jesu: im Gespräch mit einem reichen Mann, der ihn als »guter Meister« anspricht, entgegnet er ihm: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein« (Lukas 18,19). Jesus unterschied sich selbst also von Gott und rief zum Glauben an Gott und nicht an ihn selbst auf. Der evangelische Theologe und Orientalist Julius Wellhausen (1844–1918) brachte die für viele Christen provozierende Folge dieser historischen Erkenntnis auf den Punkt: »Jesus war kein Christ, sondern Jude.« Jesus von Nazareth verkündete also keine neue Religion, sondern rief als Prophet zum Glauben an Gott auf.


»Das Reich Gottes ist mitten unter euch«

Jesus stand in der Tradition der Propheten des Alten Testaments und den jüdischen Propheten seiner Zeit, aber unterschied sich zugleich von ihnen. Dies wird deutlich, wenn man ihn mit seinem eigenen Lehrer Johannes dem Täufer vergleicht. Von diesem hatte er einst gelernt, dass das Ende der Welt ganz nahe bevorstehen würde und rief deshalb wie dieser zuerst zur Taufe als Zeichen der Umkehr auf (Markus 1,4; Lukas 3,7–9.17). Dieser hatte davon gesprochen, dass dieses Ende so nah bevorstehe, dass er sagen konnte: »Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« (Lukas 3,9). Doch Jesus erlebte, dass sein Lehrer Johannes der Täufer inhaftiert wurde (Lukas 3,19–20), die Botschaft vom drohenden Endgericht seines Lehrers erwies sich nicht. So wurde Jesus von Nazareth von Johannes dem Täufer zwar getauft, taufte selbst aber nicht mehr, wie uns das Neue Testament bezeugt. Denn die Johannestaufe war eine symbolische Handlung angesichts des drohenden Endes, die Gott annehmen sollte als Zeichen der Umkehr. Für Johannes war die eigene Gegenwart eine ausweglose Notsituation, die allein Gottes Eingreifen in die Geschichte wenden kann. Bei Jesus von Nazareth war aus der Gerichtspredigt des Johannes die Verkündigung der Gnade Gottes geworden. Aus dem Reich Gottes als einem drohenden zukünftigen Gericht wurde bei Jesus von Nazareth eine gegenwärtige Wirklichkeit des menschlichen Lebens, die es für den Menschen in seinem Leben zu entdecken gilt.


In der Sprache seiner Gleichnisse lässt sich dieser Wandel erkennen: »Das Senfkorn ist schon ausgesät [Markus 4,30–32], der Same ist schon in die Erde gestreut [Markus 4,26–29], der Sauerteig ist bereits unter das Mehl gemischt [Lukas 13,20f.].« Was Jesus von Nazareth verkündete ließ sich nicht mehr in der Sprache der prophetischen Tradition ausdrücken. Er beschrieb kein vergangenes oder zukünftiges Eingreifen Gottes, sondern eine Wirklichkeit des menschlichen Lebens, die die Menschen nicht wahrnahmen: »Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist in eurer Mitte« (Lukas 17,20f.).


»Dein Reich komme« (Markus 6,4)


Der einzige, alle Christen weltweit verbindende Text ist das zuerst auf aramäisch gesprochenen Gebet »Vater unser« (Matthäus 6,9–12), das Jesus seinen Jüngern weitergegeben hat. In diesem Gebet ist der Glaube an Gott, wie ihn Jesus verstanden hat, ausgedrückt: Die Anrede, die Gott als Vater bezeichnet, zeigt, dass Jesus sich selbst als Sohn Gottes verstanden hat. Und zugleich die Menschen aufgefordert hat, dieses Gebet selbst zu sprechen und sich so in seiner Nachfolge ebenfalls als Kinder Gottes zu verstehen.


Die erste Bitte des »Vater Unser« lautet: Dein Reich komme (Matthäus 6,10). Der historische Jesus verkündigte nicht das Kommen seines eigenen Reiches, sondern das Reich Gottes, des Vaters und so die Gotteskindschaft des Menschen.


»Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« (Matthäus 18,3)


Was die Botschaft Jesu vom Reich Gottes für uns heute bedeuten könnte, hat Albert Schweitzer (1875–1965) einmal so formuliert: »Warum verlangt Jesus Kindlichkeit für das Reich Gottes? Im Kind ist doch nicht nur Gutes, sondern auch Schlechtes. Gewiß.


Und doch, wenn wir an unser eigenes Kindsein zurückdenken, empfinden wir deutlich, daß wir damals etwas besaßen, das kostbar war, und das wir nach und nach auf dem Lebenswege verloren haben. Was war es? Daß wir unverbraucht waren. [...] Da kamen aber die Enttäuschungen des Lebens. So und so viel mal wurden wir von Menschen getäuscht und verraten. So und so viel mal sahen wir, daß die Torheit und das Schlechte über die Wahrheit und das Gute triumphieren. So und so viel mal erlebten wir es, daß das Verzeihen und die Aussöhnung zwischen Menschen ein äußerliches Spiel blieb. Da wurden wir weltklug wie die andern und dachten als weltkluge Menschen lebenstüchtig zu werden. Wir warfen die kindliche Unbefangenheit ab. [...] Und was geschah? Mit dieser Unbefangenheit haben wir das Beste an unserm geistigen Menschen verloren.«


Die Verkündigung Jesu von Nazareth stellt uns als Menschen vor die Frage, ob wir uns als Kinder Gottes verstehen oder als Kinder der Welt, kindlich oder weltklug? Die Weihnachtsgeschichte war die Antwort der Christen auf diese Anfrage des Propheten Jesu. Mit der kindlichen Freude des Weihnachtsfestes öffnete sich ein Raum in ihrem Herzen für den Glauben an Gott, das Kommen des Reiches Gottes.


Die Bilder in diesem Gemeindebrief von Anton Stankwoski aus einem Kinderbuch mögen uns auf das Bemerkenswerte von Weihnachten hinweisen: die Weihnachtsbotschaft fordert uns nicht auf, ein Kind oder unsere Kinder anzubeten, die Geschichte des Christkindes will uns prophetisch dafür begeistern, uns selbst als Kinder Gottes zu verstehen.


Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnacht,
Ihr Roman Michelfelder