Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

»Tod, wo ist dein Stachel?«
                                        1. Korinther 15,55

Liebe Leserin, lieber Leser,


sind wir noch ganz bei Trost? Angesichts der letzten Monate kann man sich fragen, was uns eigentlich geritten hat, unser gan­ zes Leben auf den Kopf zu stellen? Eine uns bis dahin unbekannte Krankheit hat uns in größte Sorge versetzt. Sogar Todesangst haben wir in unserem Alltag erlebt, wie vie­le von uns es bis dahin noch nicht gekannt haben. Jedenfalls sind die drastischen Ein­schränkungen unseres gesamten Lebens, die wir bis in den Raum der engsten Familie hinein auf uns genommen haben, nicht ohne die menschliche Furcht vor Krankheit und Tod zu erklären. Angesichts des durch den medizinischen Fortschritt dankenswerter­weise veränderten Umgangs mit einer Seu­che im Vergleich zu den Jahrhunderten vor unserer Zeit, als die Menschen dem Tod wehrlos ausgesetzt waren, scheinen wir im Kampf gegen Krankheit und Tod wehr­hafter zu sein. Gleichwohl, mag der Tod sein Gesicht auch verändert haben, er hat es nicht verloren.


»Im Deutschen ist übrigens Lebensgefahr und Todesgefahr dasselbe.

Das gibt zu denken. Denn das hat ja zu bedeuten, daß zum Beispiel Gewöhnungsgefahr dasselbe wäre wie Entwöhnungsgefahr

und Einsturzgefahr dasselbe wie Stehenbleibgefahr.«


Die Konfrontation mit dem eigenen Tod beginnt allerdings nicht erst bei akuter Le­bensgefahr. So kann uns jeder noch so all­täglich erscheinende Abschied sehr schwer fallen, wenn der schöne Abend mit Freunden sich dem Ende zuneigt und uns bei der Verabschiedung bewusst wird, dass jeder Abschied der letzte sein könnte. Unseren Alltag können wir wohl nur bestehen, wenn wir die Furcht vor dem Tod verdrängen.


»Todesgefahr« droht uns nicht nur in »Le­bensgefahr«, sondern schon dann, wenn uns der Gedanke beschleicht, dass das einzig Gewisse unserer Zukunft ist, dass uns der Tod bevorsteht und uns dieser Gedanke unsere Ohnmacht vor Augen führt.


Die Erfahrung der Einmaligkeit unseres Ich ist verwoben mit der Erfahrung des Todes.


Der Tod prägt jedoch das menschliche Leben in einer ambivalenten Weise: Auf der einen Seite bewirkt er die »demütigen­de und erschreckende Erfahrung, mit dem Leben uneins und nie mit ihm im reinen zu sein, stets mehr vom Leben zu erwarten, als es in seiner Hinfälligkeit zu geben vermag, und anders sein, zumindest anders scheinen zu wollen, als die meist flüchtig beschrie­benen, aber unkorrigierbaren Blätter des eigenen Lebens ausweisen.« Auf der ande­ren Seite unterstreicht er die Einzigartigkeit und damit in gewisser Weise die Würde jedes Menschen, dass er nur selbst sterben kann und kein anderer für ihn.

Jeder einzelne Mensch steht wie zu allen Zeiten daher vor der uralten Frage:

»Was ist dein einiger trost im leben und im sterben?«

Trost, so heißt es im etymologischen Wör­terbuch der deutschen Sprache, bedeutet »seelischer Halt, Zuversicht, Ermutigung im Leid«. In einer akuten Krisensituation leuchtet die Frage nach Trost unmittelbar ein, wenn durch den Tod eines uns nahen Menschen das gewohnte Leben in Frage gestellt ist oder wenn eine Pandemie so unerwartet unser aller Gesundheit bedroht. Doch stillschweigend wird in der zitierten ersten Frage des nach seinem Entstehungsort so genannten Heidelberger Katechismus einfach vorausgesetzt, dass jeder Mensch Trost braucht, im Leben und im Sterben, also allezeit. Der reformierte Professor für Theologie Zacharias Ursinus (1534­-1583) verfasste ihn im Auftrag seines Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz im Jahr 1563 als Zusammenfassung des damals neuen Glaubens, und er gilt bis heute als eines der wichtigsten Bekenntnisse der evangeli­schen Kirche.


Die zitierte erste Frage des Heidelberger Katechismus ist bemerkenswert, weil sie der Frage nach Trost eine Orientierung gibt, jenseits aller Vertröstungen seiner Zeit und unserer Gegenwart: Frage nach dem einzigen wirklichen Trost im Leben und im Sterben, dann erfährst du, wer Gott ist.


Das Mittelalter setzte der Trostlosigkeit des Lebens die Vorstellung des Jenseits gleich­sam als eines zweiten gerechteren und schö­neren Lebens entgegen. So entstand die Vorstellung zweierlei Leben, eines zeitlichen und eines ewigen. Beide sind miteinander verbunden durch ein ihnen gemeinsames Abrechnungssystem. So wurde die Logik des zeitlichen auf das ewige Leben übertra­gen und damit auch die Möglichkeit, nicht bloß im irdischen Leben, sondern im Jenseits eben auch den ewigen Tod zu sterben. Wer einen religiös anerkannten Lebenswandel pflegte, konnte sich in der Kunst des gelassenen Sterbens üben und sich des Jenseits vertrösten.


Unsere Zeit setzt demgegenüber der Trostlosigkeit des Sterbens die Vorstellung eines maximal ausgekosteten Lebens entgegen und übt sich in der Kunst des möglichst gelassenen Lebens, indem es das Sterben an den äußerstenen Rand verdrängt und sich im Sterben immer noch mit dem Gedanken an die guten Zeiten des Lebens vertröstet. Doch was ist das für ein Trost im Sterben, wenn wir dem Tod nur das gelebte Leben entgegen zu setzen haben, das vergangen ist?


Die Unterscheidung von Trost und Vertröstung

Die kleine Vorsilbe der Ver­tröstung mar­kiert einen entscheidenden Unterschied.


Die Vorsilbe kennzeichnet nach Auskunft des bereits erwähnten etymologischen Wörterbuchs in der Regel ein »Beseitigen, Wegschaffen, Aufbrauchen (verrücken, vertreiben, verzehren), ein Fort­-, Zugrunde­gehen (verdunsten, verklingen, verschwin­den) oder Irreleiten, Fehlgehen (verführen, verwechseln, sich verzählen) und wird damit auch zum Ausdruck der Negation (verbieten, versagen).«


Die Veränderung des Trostes in der Ver­tröstung sei an folgender beispielhaften Be­gebenheit illustriert: Wenn einem kranken Mensch aus Rücksicht auf seine seelische Verfassung eine schwere Diagnose vorenthalten wird und er von seinen Angehörigen vermeintlich aufgemuntert wird, dass es schon wieder besser werde, so wird er in durchaus guter Absicht vertröstet. Die Fra­ge dieser zwar fiktiven, aber durchaus nicht ganz aus der Luft gegriffenen Begebenheit ist: Könnte es sein, dass die aus unserer Sicht trostlose, doch wahrhaftige Diagnose für einen Menschen doch Trost spenden kann?


In der religiösen Vertröstung auf ein Jenseits oder, modern gesprochen, auf bessere Zeiten, erwartet der Mensch von der Zukunft nicht mehr als das, was er ihr mit seiner Vorstel­lung zutraut. Die Vertröstung richtet die gan­ze Hoffnung auf das Festhalten des gewohn­ten Lebens. Der wirkliche Trost verzichtet gerade auf eigene Wunschbilder von der Zukunft und auf noch so gut gemeinte Wün­sche für die Zukunft und gibt damit Raum, die Zukunft tatsächlich von Gott zu erwarten.

Der entscheidende Unterschied zwischen Trost und Vertröstung liegt also nicht darin, was wir uns erhoffen, sondern von wem wir etwas erwarten. In diesem Sinne ist auch das Wort Jesu von Nazareth zu verstehen:


»Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.«
(Matthäus 16,25)


Die mythologischen Hoffnungsbilder, wie sie im Mittelalter in der Ausmalung des Jenseits begegneten, sind für uns verblichen.


Im Wort Jesu von Nazareth liegt die Hoff­nung gerade in dem Verzicht auf Wunsch­bilder. Gerade dem, der darauf verzichtet, sich die Zukunft, die Gott ihm schenkt, auszumalen, ist das Leben verheißen, weil er sich die Offenheit des christlichen Glau­bens an Gottes Zukunft bewahrt. »Das ein­zig Gewisse der menschlichen Zukunft ist ja, daß jedem Menschen der Tod bevorsteht. Für den, der offen ist für alle Zukunft als die Zukunft des kommenden Gottes, hat der Tod seine Schrecken verloren.«


Das Wort Jesu ist keine Vertröstung, sondern Trost für den Menschen in der Ge­genwart. Der Apostel Paulus erlebte dieses Wort als ein Trost, der sogar angesichts der jedem Menschen begegnenden Gewißheit des Todes, die in dem kleinen tanzenden Tod des Museums Schnütgen – abgebildet auf dem Titel dieses Gemeindebriefes – einen kunstvollen Ausdruck gefunden hat, besteht. So konnte er hu­morvoll fragen: »Tod, wo ist dein Stachel?« (1. Korinther 15,55).

 

Ihr Roman Michelfelder, Pfarrer