Gemeindebrief / Theologischer Leitartikel

Theologischer Leitartikel

»Als aber die Zeit erfüllt war,sandte Gott
seinen Sohn, geboren von einer Frau«

                                                          Galater 4,4

 

Liebe Leserin, lieber Leser,


Sie stehen am Rheinufer, ein Schiff, schwer beladen, fährt rheinabwärts: Woher kommt das Schiff? Aus welchem Hafen ist das Schiff ausgelaufen? Wohin fährt es? Und was bringt es mit sich? Was hat es geladen?


»Es kůmpt ein schiff geladen
[Es kommt ein Schiff, geladen]

bis an sin högste bort.
[bis an sein höchsten Bord.]

Es draget den sön des vaters,
[Es trägt den Sohn des Vaters,]

das eweliche wort.«
[das ewegliche Wort.]


Das Geheimnis der genauen Herkunft des bekannten Advents- und Weihnachtsliedes »Es kommt ein Schiff geladen« ist bis heute ungeklärt, denn der Autor ist unbekannt. Doch der Weg des Liedes führt rheinabwärts von Basel über Straßburg bis nach Köln. Denn dies sind die Orte, an denen der mitreißende mittelalterliche Prediger und Dominikanermönch Johannes Tauler (um 1300–1361) wirkte, dem das Lied lange Zeit zugesprochen wurde. Und tatsächlich gehört er zur Entstehungsgeschichte unseres Liedes, wie ein späteres Gesangbuch aus dem Jahre 1626 belegt. Diesem verdanken wir die Überlieferung des Liedes in unser evangelisches Gesangbuch. Herausgegeben wurde es in der Sammlung »Etliche Hohe geistliche Gesänge / sampt anderen Geistreichen getichten / so auß der alten Christlichen Kirche lehrer vnd jhrer nachvolger Büchern gezogen« von dem Straßburger evangelischen Pfarrer Daniel Sudermann (1550–1630). Er überarbeitete den Text und wies mit einer Überschrift bereits darauf hin, was heute von der Forschung bestätigt ist, dass es eines der ältesten geistlichen Gesänge in deutscher Sprache ist: »Ein uraltes Gesang, So unter deß Herrn Tauleri Schrifften funden, etwas verständlicher gemacht«. Aus dem Besitz dieses evangelischen Pfarrers blieb auch die älteste Handschrift des Liedes aus dem 15. Jahrhundert bewahrt, die aus einem Straßburger Dominikanerinnenkloster stammt, wo Johannes Tauler wirkte. Die von D. Sudermann überarbeitete Fassung des Liedes wurde durch das berühmte Quempasheft, das 1930 von Wilhelm Thomas und Konrad Ameln herausgegeben wurde, in der evangelischen Welt bekannt. Der Text des Liedes hat eine verworrene Geschichte, in der das Bild des Schiffes immer wieder erweitert und unterschiedlich gedeutet wurde. In der katholischen Tradition hat man Maria als navis gaudorum (lat. Schiff der Freuden) bezeichnet, weil sie Gottes Sohn in die Welt gebracht hat. Das Bild des Handelsfahrerschiffs, auf das die Menschen des Spätmittelalters sehnsüchtig warteten, weil es aus fernen Ländern Lebensmittel und luxeriöse Dinge zu ihnen brachte, wurde auf Jesus und Maria übertragen. So wurde das Lied zu einem Adventslied, in der die Zeit des Wartens auf die Geburt Jesu beschrieben wurde. Doch weder als Bild für das ›Mutter-Schiff‹ Maria, noch als Symbol der Kirche war es ursprünglich gedacht. Vielmehr ging es ursprünlgich um die Ankunft von Weihnachten in unserer Seele (vgl. die ursprüngliche Fassung des Liedes, siehe unten). In der neuesten Forschung konnte die ursprüngliche Fassung des Liedes rekonstruiert werden, die aus drei oder vier schlichten und schönen Strophen besteht, die nur das Bild des ankommenden Schiffes kennen. Im kühnen Bild des Kusses wird dort in der vierten Strophe die Vereinigung der Seele mit Christus, dem Wort Gottes beschrieben.

 

Die wichtigste Station der Liedgeschichte aber führt uns nach Köln, wo das Lied zum ersten Mal gedruckt wurde. Bereits im Jahr 1608 erschien in Köln das »Andernacher Gesangbuch«, in der unser Lied mit der bis heute uns bekannten Melodie verbunden wurde. Hier wurde das Bild des Schiffes auch melodisch aufgenommen, indem die Melodie wie in einer Wellenbewegung immer wieder auf und ab geht.


»Das schiff das geit so stille,
[Das Schiff, das geht so stille,]

Es draget so duren last;
[Es trägt so teure Last;]

der segel ist die mynne;
[Das Segel ist die Liebe;]

der heil’g geist ist der mast.«
[der heilige Geist der Mast.]


Im Spätmittelalter, als unser Weihnachtslied entstand, war Köln ein Zentrum des europäischen Handels und eine Drehscheibe der europäischen und internationalen Warenströme. Der stolzen Kölner Bürgerschaft wurde im Jahr 1259 von Erzbischof Konrad von Hochstaden das ›Stapelrecht‹ gewährt. Seit 1383 war Köln eine Hansestadt. Als Teil des mächtigen Städtebundes nahmen Kölner Patrizier mit Ausnahme einer kurzen Zeit des Ausschlusses aus der Hanse 1471 bis zum letzten Hansetag 1669 Einfluss auf den Schiffshandel in Europa. Die Rhein- schifffahrt führte zu einem wirtschaftlichen Höhenflug für die Stadt Köln im Mittelalter.


Die berühmte Kölner Stadtansicht von Anton Woensam (ca. 1500–1541) aus dem Jahr 1531 verrät in einem kleinen Detail auf der Karte, worauf ein großer Teil der wirtschaftlichen Kraft als Handelsstadt beruhte. Vor den großen Kirchen ist auf dem Rhein allerlei Geschäftigkeit zu entdecken. Was auf den ersten Blick vor den großen Kirchen wie eine Nebensache wirkt, war von großer Bedeutung.


Die hydrographische [Hydrographie von griech. ὕδωρ (hydor) »Wasser« und γράφειν (gráphein) »schreiben«: Gewässervermes- sung] Lage Kölns am Rhein bedingte eine besondere Situation: »Die Fahrrinne des Mittelrheins, der flussaufwärts gesehen bei Köln beginnt, war weniger tief als die des Niederrheins. Daher wurden schon im hohen Mittelalter in Köln Waren auf einen anderen Schiffstyp umgeladen. Größe und Bauart der Schiffe waren den einzelnen Stromabschnitten angepasst.« Aus der Tatsache, dass die Waren auf dem Handelsweg über den Rhein vor Köln notwendig umgeladen werden mussten, wussten die Kölner Kapital zu schlagen. Das ihnen verliehene Stapelrecht war ein Zwangsrecht, das die auswärtigen Kaufleute verpflichtete, »in Köln Halt zu machen, ihre Waren auszuladen und sie drei Tage lang Kölner Zwischenhändlern zum Verkauf anzubieten.« Für einen kurzen Zeitraum mussten die Händler ihre Waren auf dem Stapelplatz abladen – »stapeln« – und zum Verkauf anbieten, wenn sie sich nicht durch die Zahlung eines Stapelgeldes von dieser Pflicht befreien lassen konnten.

 

Für den Kölner Bürger bedeutete ein geladenes Schiff also ein besonderes Geschenk. Der Schiffsverkehr und die Organisation des Kölner Stapel war die Lebensgrundlage der Menschen in der Stadt. Wenn eines der ältesten Weihnachtslieder der Christenheit besingt, was der Menschheit mit der Geburt von Jesus Christus geschenkt wird, so lag es in Köln nahe, es in dieses Bild zu fassen: »Es kommt ein Schiff, geladen«.


»Der ancker ist vß geworffen,
[Der Anker ist ausgeworfen,]

D[a]z schiff d[a]z geit an lant;
[Das Schiff, das geht an Land;]

Got ist mensche worden,
[Gott ist Mensch geworden,]


der sůn ist vns gesant.«
[der Sohn ist uns gesandt.]


In einer der ältesten Quellen unseres Weihnachtslieds »Es kommt ein Schiff geladen«, von Johannes Tauler, findet sich das Lied als ein Zitat im Zusammenhang seiner Predigt über den Brief des Apostels Paulus an die Galater 4, 4–5: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.« In kurzer Form ist dies die älteste überlieferte Weihnachtsgeschichte, die um 54 n.Chr. geschrieben wurde, als die bekannten Geburtsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums noch nicht erdacht waren. Der ursprüngliche Kern der Weihnachtsgeschichte kam ganz ohne die Legende der Jungfrauengeburt und ausgestalteter Krippenszene, wie sie uns in den Evangelien begegnen, aus. Paulus benannte schlicht das Wesentliche und Erstaunliche von Weihnachten: Gott hat seinen Sohn gesandt, dass wir durch ihn uns als Gottes Kinder erkennen.


So hat auch unser Weihnachtslied in seiner Urfassung keinen expliziten Bezug auf Maria. Es beschreibt schlicht die Ankunft des Sohnes Gottes auf der Erde im Bild der Ankunft eines Schiffes im Hafen.


»Worte, die Menschen sagen und singen und aufschreiben und die doch zugleich größer sind als eines Menschen Herz«

 

»Wer schon einmal gesehen hat, wie ein Schiff ankommt – ein Segelschiff – der weiß: am Horizont taucht es auf, es nähert sich, langsam, lautlos, faszinierend. Freude kommt auf, Erwartung. Spannend der Augenblick der Ankunft: ein Ruck – ein Stoß – der Anker wird ausgeworfen. Es ist da. Es ist ›an Land‹ - es berührt eine andere Dimension: Boden – Erde – Land. Das Schiff berührt das Land – und doch gehört es in die Dimension von Wasser, Weite, fernem Horizont. Getrieben ans Land wird das Schiff von einer unsichtbaren Kraft, deren Wirkung deutlich spür- bar ist: vom Wind. Und es trägt eine Last, deren Ursprung woanders liegt als auf dem Land, das das Schiff nun berührt.

 

So ist es mit dem Wort Gottes: auf dieser Welt erklingt es – aber es ist nicht von dieser Welt. Wir nehmen es in den Mund – auch, wenn wir dieses Lied singen –, aber es ist nicht unser Wort. Kein Mensch hat es erfunden. Luther konnte sagen, dass es Lieder gebe, die der Heilige Geist gemacht habe. Es war nicht Hochmut, der ihn so reden ließ. Es war Demut – Staunen darüber, dass es das gibt: Worte, die Menschen sagen und singen und aufschreiben und die doch zugleich größer sind als eines Menschen Herz.«


Weihnachten kommt irgendwie jedes Jahr überraschend. Das gilt nicht nur in zeitlicher Hinsicht. Wir werden auch jedes Jahr davon überrascht, wie Weihnachten unser aller Herz öffnet. Die alte »Weise« von dem Kind mit einer fremden Herkunft, das Gott in die Welt gesandt hat, schenkt uns noch heute selbst kindliche Freude. Die Vorfreude auf Weihnachten scheint in der Zeit der Corona-Pandemie sogar noch größer geworden zu sein.


Die Botschaft des »uralten Gesangs« »Es kommt ein Schiff, geladen« möge uns in diesem außergewöhnlichen Jahr an die kostbare Ladung des unserer Welt so fremd gewordenen Wortes Gottes erinnern. In diesen Tagen, in denen wir uns oft von Furcht leiten lassen müssen, trägt Weihnachten ein Wort zu uns:

»Fürchtet euch nicht!« (Lukas 2,10).

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnacht,

Ihr Roman Michelfelder, Pfarrer